08.12.2025
Nami, das Kind, das der Sklaverei entkommen konnte
Ein Bericht von Butler Benoit, Projektleiter in Dolian, Haiti
Wenn die zwölfjährige Nami nach ihrer Herkunft gefragt wird, senkt sie den Blick und zögert, bevor sie spricht. Wie viele Kinder in den abgelegenen Bergdörfern im Süden Haitis wächst sie in einer armen Bauernfamilie auf. Ihre Eltern gingen nie zur Schule: Vater und Mutter bewirtschaften ein kleines Feld mit Mais und Maniok. Nami ist das dritte von vier Kindern; zwei ihrer älteren Brüder arbeiten bereits auf den Feldern, während der Jüngste unsere Schule besucht.
„Wir hatten nicht genug Geld, um ihre Schulsachen zu bezahlen“, sagt ihre Mutter. „Als vor ein paar Jahren eine Cousine aus Port-au-Prince anbot, sie bei sich aufzunehmen, dachten wir, das sei besser für sie. Sie sagte uns, Nami werde zur Schule gehen und zu essen bekommen. Wir waren einverstanden.“

Ein Leben in Knechtschaft in Port-au-Prince
Doch mit ihrer Ankunft in der Hauptstadt zerbrach dieses Versprechen. Nami durfte keine Schule besuchen. Jeden Morgen musste sie vor Sonnenaufgang aufstehen, um den Hof zu fegen, Wasser zu holen und das Frühstück für die Kinder im Haus vorzubereiten. Mahlzeiten erhielt sie selten: „Manchmal ass ich erst abends, wenn noch Reis im Topf war“, gesteht sie.
Das Mädchen verbrachte seine Tage mit Waschen, Schrubben und dem Tragen schwerer Lasten. Wenn sie einen Fehler machte, wurde sie geschlagen. Ihre Eltern sah sie nicht mehr: keine Anrufe, keine Besuche. „In Port-au-Prince fühlte ich mich allein, sehr allein. Ich dachte, ich würde für immer dortbleiben“, sagt sie leise.

Die Flucht
Eines Abends, nach einer besonders brutalen Bestrafung, fasste Nami einen radikalen Entschluss: Sie wollte weglaufen. Sie hatte weder Geld noch Gepäck. Doch in einem überfüllten Bus, der die Hauptstadt verliess, gelang es ihr dank des Mitgefühls eines Fahrers, der sie kostenlos zum Ferienort Les Cayes fahren liess. Dort, etwa 50 km von ihrem Heimatdorf entfernt, erkannte sie ein Nachbar aus Dolian und half ihr, den Weg zurück ins Dorf zu finden.
Die Rückkehr nach Dolian
Als sie die Schwelle des Familienhauses überschritt, dachten ihre Eltern zunächst an eine Fata Morgana. „Wir dachten, sie würde nie wiederkommen“, sagte ihre Mutter mit feuchten Augen. Die Freude über ihre Rückkehr vermischte sich mit der Scham, ihr Kind diesen Menschen anvertraut zu haben. Nachbarn versammelten sich, halb neugierig, halb betroffen. In einer Gemeinschaft, in der jeder um die Verwundbarkeit des anderen weiss, wirkte Namis Geschichte wie eine Warnung.

Ein neues Leben in der Schule
Seit ihrer Rückkehr besucht Nami unsere Schule. Gezeichnet von Müdigkeit und Angst fiel es ihr anfangs schwer, im Unterricht zu sitzen. Doch nach und nach gewann sie ihr Selbstvertrauen zurück. Sie lernt lesen und hat viel Freude an Liedern und Spielen auf dem Spielplatz. „Heute bin ich glücklich. Ich möchte Lehrerin werden, um anderen Kindern wie mir zu helfen“, sagt sie schüchtern und lächelt schliesslich.
Laut der NGO Restavek Freedom ist „Bildung der Schlüssel, um den Kreislauf des Restavèk (siehe Kasten weiter unten) zu durchbrechen. Jedes Kind, das zur Schule geht, hat die Chance, eine andere Zukunft aufzubauen und diese Praxis nicht an die nächste Generation weiterzugeben.“
Eine Tragödie, die viele Kinder betrifft
Nami ist kein Einzelfall. Allein im Dorf Dolian berichten mehrere Familien, sie hätten ein Kind in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Stadt gebracht. Manche kehrten nie zurück. Die Lehrer der Schule versuchen nun, die Eltern davon zu überzeugen, diesen trügerischen Versprechungen nicht nachzugeben. „Jedes Kind muss hier zu Hause lernen können, ohne anderswo zum Sklaven zu werden“, betont ein Mitglied der Schulkommission.

Ein Symbol für Dolian
In Dolian ist Namis Rückkehr zu einem Symbol geworden. Sie steht für eine Gemeinschaft, die sich der verheerenden Auswirkungen des Restavèk-Systems bewusst wird. Die Schule und die örtliche Kirche versuchen nun, das Bewusstsein der Familien zu schärfen: Eine arme, aber freie Kindheit im Dorf ist besser als ein Leben in Sklaverei in der Stadt.
|
Restavèk – moderne Kindersklaverei in Haiti Restavèk ist ein kreolisches Wort (Sprache in Haiti) und bedeutet sinngemäss „bei jemandem bleiben“. Dahinter verbirgt sich ein System, in dem arme Familien ihre Kinder in die Obhut wohlhabenderer Haushalte geben – in der Hoffnung auf Essen, Unterkunft und Schulbildung. In der Realität jedoch werden viele dieser Kinder wie Hausangestellte bzw. wie Sklaven behandelt: Sie verrichten schwere Arbeiten, holen Wasser, putzen, kochen und kümmern sich um kleinere Kinder. Schulbesuch und Freizeit bleiben ihnen meist verwehrt, stattdessen erleben sie Hunger, Gewalt und soziale Isolation. Schätzungen zufolge betrifft dieses Schicksal heute rund 300.000 Kinder in Haiti, vor allem Mädchen. Obwohl das Land internationale Abkommen gegen Kinderarbeit ratifiziert hat, ist Restavèk noch immer weit verbreitet – eine Form moderner Sklaverei, die durch Armut und gesellschaftliche Gewohnheit weitergetragen wird. |







































































































































