10.03.2023

Bericht aus einem indischen Kinderheim, das wir seit vielen Jahren unterstützen.
Ravin klopfte gestern an meine Tür und hielt einen stark geschwollenen Fuss hoch. "Onkel Yip (so nennen die Jungs meinen Mann) sagte, ich solle dich um Eis bitten." Eine Biene hatte Ravin in den Fuss gestochen, als er Holz hackte für die Küche. Ich gab ihm den gewünschten Eisbeutel. Ravin wollte lieber bei mir bleiben, statt sich mit dem Beutel aufs Bett zu legen.
Manchmal ergibt sich plötzlich aus einer Situation die Gelegenheit, Zeit miteinander zu verbringen und so hatten wir ein gutes Gespräch. Wir lachten gemeinsam über die Geschichte mit den Flip-Flops. Ravin liess sie von einem Schuhmacher flicken, doch bald waren sie wieder kaputt. Die folgenden Wochen wollte er nur noch barfuss laufen. Doch nun zierten wieder neue Flip-Flops seine Füsse. Grinsend bemerkte Ravin, dass die Fussbekleidung doch einige Vorteile mit sich brächte – vor allem bei Dornen.

Ravin erzählte mir nach einiger Zeit von seiner Familie. Er wurde in Bihar geboren und seine Familie zog in unsere Stadt, als er ein Baby war. Der neue Wohnort hiess Chor-kala, was übersetzt «schwarze Diebe» heisst. Der Name war zutreffend. Es war ein dunkler, unheimlicher Ort und keiner traute dem anderen. Ravins Vater hatte nie eine Schule besucht. Er arbeitete auf Zementlastern. Die Mutter war erst vierzehnjährig, als sie heiratete. Ravin ist 16jährig und hat eine vier Jahre jüngere Schwester. Die Mutter ist heute 29 Jahre alt.

Während das Eis langsam schmolz, liess mich Ravin in sein Leben blicken: "Ich hatte keinen guten Vater. Er trank viel und wenn er getrunken hatte, schlug er uns. Der Arzt warnte ihn und sagte ihm, dass sein Alkoholkonsum ihn eines Tages umbringen könnte, doch mein Vater hörte nicht auf ihn.
Als ich sechs Jahre alt wurde, wollte meine Mutter mich in die Schule schicken. Mein Vater war dagegen. Er war der Meinung, dass die Schule mich völlig verderben würde und ich so würde wie er. Meine Mutter hingegen wollte unbedingt, dass ich eine Schulbildung erhalte. Die beiden stritten sich immer wieder deswegen und mein Vater betrank sich und schlug uns. Doch meine Mutter liess sich nicht einschüchtern und meldete mich einfach für die Schule an. Dafür bekam sie Prügel. Nach meiner ersten Schulwoche starb mein Vater und meine Mutter heiratete ein zweites Mal.
Mein Stiefvater ist in Ordnung, finde ich. Obwohl er auch trinkt und uns manchmal schlägt. Aber er ist nicht so schlimm wie mein richtiger Vater. Meine Beziehung zu ihm wird immer besser. Ich habe nun noch einen kleinen, fünfjährigen Halbbruder.
In meiner Familie haben fast alle AIDS. Meine Mutter, mein Stiefvater, meine Schwester – alle ausser mir und meinem kleinen Bruder. Als mein Bruder geboren wurde, riet der Arzt meiner Mutter, nicht zu stillen, um die Ansteckungsgefahr für das Baby zu verringern. So gab sie zusätzliches Geld aus und ging täglich Milch für meinen Bruder kaufen. Es lohnte sich. Er ist gesund und wurde kürzlich eingeschult. Ich bin meiner Mutter sehr dankbar, dass sie das für ihn getan hat.
Meine Familie lebt jetzt in den Bergen. Während Covid19 und dem Lockdown konnte ich nicht zur Schule gehen. Mein Vater liess mich in einem Chai-Laden arbeiten, was mir nichts ausmachte, aber ich finde es schwierig zuhause, wenn er trinkt und uns schlägt. Sein Arzt sagte ihm, er solle aufhören zu trinken und den Chili-Konsum reduzieren, doch wie mein erster Vater macht auch er sich nichts aus Ratschlägen."
Am Abend nach diesem Gespräch besuchte uns Ravin zuhause und bat nochmals um Eis. Er ass mit uns Kuchen und wir schauten Fotos an. Am nächsten Morgen stand er wieder da. Sein Fuss war schon weniger geschwollen und er wollte schon wieder Fussball spielen. «Uncle Yip» erlaubte es ihm und sagte mir später: «Jungs sind einfach Jungs».
«Ja», dachte ich, «aber manchmal brauchen Jungs auch einfach eine legitime Ausrede, damit sie den Mut finden, zu reden». Für Ravin war dies ein Bienenstich.







































































































































