04.03.2022
Wie die meisten Menschen auf unserem Planeten ging auch das Shishya Heim durch mehrere Covid-19 Wellen mit zahlreichen Lockdowns, die sich manchmal wie ein Gefängnis anfühlten. Ironischerweise waren es die Menschen selbst, die ihr eigenes Gefängnis definierten, um jene, die sie liebten, zu schützen. Social Distancing war auch in Indien DAS Schlagwort schlechthin und wir lernten, dass die physische Distanz zu anderen Schutz für “Risikopersonen” bedeutet.

Die Pandemie war für unseren kleinen Mikrokosmos Shishya eine Herausforderung. Es fühlte sich an, wie wenn die Kontakte gewaltsam unterbrochen würden. Etwa die Hälfte unserer Jungen ging am Tag vor dem ersten Lockdown für einen kurzen Besuch nach Hause zu ihren Familien. Wir alle dachten, sie würden eine Woche später wieder bei uns zurück sein. Doch dem war nicht so. Die Rückreise war monatelang nicht möglich. Einige Jungs waren, als sie dann endlich wieder bei uns waren, in sehr schlechtem Zustand, sodass wir uns grosse Sorgen um sie machten. Bei manchen mussten wir zweimal hinschauen, bevor wir ihre Gesichter erkannten. Sie waren gezeichnet von Leid und Not. Hinzu kam, dass die zurückgekehrten Jungs zuerst in eine Quarantäne mussten bei uns, um die anderen im Heim zu schützen. Das war nicht die freudige Rückkehr, die wir uns gewünscht hätten.

Die Schulen im ganzen Land schlossen und der Unterricht fand ausschliesslich online statt. Doch alle unsere Schüler, die bei ihren Familien waren, hatten keinerlei Schulbücher oder andere Unterrichtsmaterialien. Aber dies war bei weitem nicht die grösste Herausforderung für unsere Schüler. Familien wurden durch den Lockdown auseinandergerissen, Väter verloren ihre Arbeitsstelle, Nahrung wurde knapp. Das Chaos regierte. Die Lehrerlöhne mussten natürlich bezahlt werden, doch die Regierung hatte bestimmt, dass während dem Lockdown niemand Schulgelder bezahlen musste. Für uns als Schule war dies sehr schwierig, denn wir hatten nun die unveränderten Lohnkosten ohne Einnahmen. Es war uns nur erlaubt, eine Art freiwilligen Beitrag von den Eltern zu erbeten. Schlussendlich war es den Eltern überlassen, ob sie für den Unterricht bezahlen wollten oder nicht. Die Frage, wie die Schulen ihre Lehrpersonen bezahlen sollten, blieb von Seiten der Regierung ungeklärt. Staatliche Unterstützung gab es keine. Angesichts der Umstände mussten wir zwei Jahre lang auf Lohnerhöhungen für die Lehrpersonen verzichten. Niemand reklamierte. Unsere Lehrerinnen und Lehrer waren glücklich, dass sie ihren Monatslohn trotz der Pandemie erhielten. Viele Berufskollegen verloren in der Pandemie die Stelle.
Wir beteten viel und baten Gott, uns zu versorgen. Und wir erlebten, wie ER es wirklich tat. In der Zeit, in welcher viele Berufstätige in Indien die Stelle verloren, konnten wir unsere Leute einstellen, um an unserem Bauprojekt zu arbeiten.


Der Zeitpunkt für den Bau war günstig, weil die Schüler nicht anwesend waren. Sicherheitsaspekte, welche die Kinder betrafen oder Lärmbelästigungen waren vernachlässigbar. Die Lehrpersonen dagegen entwickelten sich schnell zu Onlineexperten und die Eltern konnten zum ersten Mal wirklich sehen, wie ihre Kinder unterrichtet wurden. Manche Eltern machten auch gleich mit beim Unterricht und lernten zusammen mit ihren Kindern. Daneben hatten wir es aber auch mit den Schattenseiten des Online-Unterrichts und des Internets zu tun. Gaming, Pornografie und Cybermobbing machte auch vor unseren Schülern nicht halt.
So gab es durch die neue Situation viele Herausforderungen, aber auch neue Chancen. Durch die Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizei konnten wir notleidenden Menschen Nahrungsmittel verteilen, wodurch viele gute Kontakte und Beziehungen entstanden. Wir boten Kurse an über Zoom für Eltern und Schüler, um sie über die Gefahren des Onlineunterrichts und des Internets aufzuklären.

Die Rückkehr ins Heim war für einige ein Abenteuer und wir erlebten viel Bewahrung. Einer unserer Collegestudenten steckte durch den Lockdown mehrere Monate bei Freunden fest. Die Familie kümmerte sich während der Zeit rührend um ihn. Sobald Reisen wieder sicher genug war, trat der Junge dir Rückreise an. Weil immer noch viele Busse und Züge stillstanden, versuchte er sein Glück mit Autostopp. Beim Passieren der Polizeikontrollen wies ihn der Chauffeur an, sich hinten auf der offenen Ladefläche zu verstecken. Dort blieb er versteckt – auch als es regnete – und schaffte es schliesslich bis zu uns zurück.
Die lange Zeit weg von Shishya hinterliess auch Spuren im Verhalten der Jungs. Viele von ihnen hatten sich schlechte Gewohnheiten angeeignet. Die Heimeltern brauchten viel Geduld und Liebe, um den jungen Menschen nach ihrer Ankunft wieder zurecht zu helfen. Nur zwei der Knaben kamen mit Covid-19 zu uns zurück: Ashutosh und Shubham. Nachfolgend erzählen sie, wie sie die Pandemie erlebten.
Die Coronageschichte von Ashutosh
Shubham und ich waren Zimmerkameraden. In unserem zweiten Semester am College wurde das Wort “Pandemie” plötzlich Teil des allgemeinen Wortschatzes. Ehrlich gesagt lachten wir und machten Witze darüber, als wir im Januar 2020 zum ersten Mal davon hörten. Unser Augenmerk galt der Schule und zu diesem Zeitpunkt hatte keiner von uns die leiseste Ahnung, dass dieser «Virus-Schnellzug» die Welt wenige Wochen später zum Stillstand bringen würde. Im März 2020 beschloss der Premierminister Indiens für das ganze Land den Lockdown. Das kam für alle total plötzlich und unerwartet. Alles stoppte sofort – ausser das Chaos. Meine Gefühle waren für mich nicht einzuordnen – Chaos herrschte auch in meiner Gefühlswelt.

Die Tage vergingen, doch ich war entschlossen, etwas zu tun. Zum Glück konnten Shubham und ich zurück nach Shishya reisen. Doch wir mussten den Zug nehmen und das war im Nachhinein vielleicht keine gute Idee. Das Virus breitete sich bereits aus wie ein Lauffeuer. Der Zug war völlig überfüllt und es war zeitweise nicht mal möglich, die Arme oder Beine zu bewegen. Ich sah mich nach ein bisschen mehr Platz um. Der einzige Ort, den ich fand, war die Zugtoilette. Widerlich. Ich reiste über die Hälfte des Weges in der Toilette.
Zurück im Heim beschwerten wir uns über die schreckliche Zugreise, dankten aber gleichzeitig auch Gott für unsere Rückkehr und den Ort, der sich für uns wie zuhause anfühlte. Shyshya beschützte uns. Während des Lockdowns gab es in ganz Indien viele Menschen, die zu wenig Essen hatten. Wir wurden in Shishya jeden Tag satt. Ich bin sehr dankbar für die guten Lehrpersonen, unsere Sponsoren, die Mitarbeitenden und die Betreuungspersonen. Ich lernte mehr denn je, Gott für alles dankbar zu sein, was er mir heute gibt und mich nicht um das zu sorgen, was morgen sein wird.

Ich war in Sicherheit, doch ich litt sehr darunter, dass ich meine Familie während Covid nicht besuchen durfte. Am schlimmsten war es, als ich erfuhr, dass meine jüngere Schwester heiraten würde. Zwei Jahre zuvor hatte ich ihr versprochen, dass ich bei ihrer Hochzeit dabei sein werde - und jetzt war mir dies versagt. Ich weinte die ganze Nacht hindurch. Ich konnte mein Versprechen nicht halten. Ich war der einzige Mann in meiner Familie, dem meine Schwester vertraute. Ich war ihr Beschützer. Der Grund dafür lag in unserer Geschichte. Als Kinder erlebten wir viel Gewalt, viele Schmerzen und viel Angst. Einmal rannten wir sogar von zuhause weg, um irgendwo Zuflucht und Sicherheit zu finden. Meine Anwesenheit an der Hochzeit meiner Schwester wäre unbeschreiblich wichtig für mich – und auch für sie. Es brach mir das Herz.
Covid erwischte mich und Shubham nach unserer Rückkehr ins Heim. Wir wurden beide krank. Glücklicherweise erholten wir uns beide sehr rasch wieder. Die Isolation brachte für mich auch Neues mit sich. Ich begann zu schreiben. Der Stift wurde meine Waffe und half mir, meine inneren Kämpfe zu überstehen. Ich schrieb Gedichte. Sie trugen dazu bei, dass mein geschundenes Herz heilen konnte.

Covid stellt die Welt auf den Kopf
Der Motivator braucht jemanden, der ihm Mut zuspricht.
Der Mann in der Talk Show sucht jemanden, mit dem er reden kann.
Der Held braucht einen Retter.
Der Stille will gehört werden.
Der, der die Witze erzählt braucht Hilfe, um zu lächeln.
Der erfolgreiche Influencer sucht einen Freund.
Der Reiche musste “reich sein” neu definieren.
Sogar der Atheist betet, dass Gott dieses Virus wegnehmen möge.
Dort, wo mein Stift seinen Dienst versagte, halfen mir Gott und meine Freunde und trösteten mich in meinem Leid. Meine Beziehungen zu Freunden wurden tiefer und der gegenseitige Respekt und die Liebe wurden grösser. Ich war dankbar für jedes noch so kleine Glück und war bereit, die Extrameile zu gehen. Es ist immer einfach, sich zu beschweren, doch ich hatte ein Zuhause: Shishya - ein Ort, wohin ich zurückkehren konnte, ein Ort der Sicherheit. Während der ganzen Pandemie gab es keinen einzigen Tag, an dem ich nicht versorgt wurde mit allem, was ich brauchte. Ich musste mich nie um morgen sorgen.
Folgende Zeilen fassen meine Gedanken zusammen:
"In der Zeit von Covid betet der, der behauptet, dass es keinen Gott gibt.
Und der, der das Leben wegen Covid verflucht, ist dankbar für jeden neuen Tag."

Die Coronageschichte von Shubham
Die Isolation aufgrund der Covidinfektion war sehr schlimm für mich; ich litt psychisch und physisch. Ich bin ein Bewegungsmensch, sportlich und aktiv. Inaktivität passt gar nicht zu mir, und es war etwa das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte. Covid zwang mich, über die Fragen nachzudenken, die mir das Leben stellte. Das Leben bringt immer wieder neue Phasen mit sich. Trotzdem ist es für gewöhnlich sehr einfach, Gedanken zum Sinn des Lebens einfach so auszublenden. Covid brachte mich ernsthaft zum Nachdenken.
Ich überprüfte meine Prioritäten. Ich schrie zu Gott und fühlte das Leid anderer. Ich richtete meinen Blick auf Narben in meinem Leben, auf meine Beziehungen zu Mitmenschen. Einiges musste ich in Ordnung bringen. Und ich lernte, Gott zu vertrauen angesichts der Zukunft, anstatt mich zu fürchten. Während dieser Zeit brauchte ich Gott mehr als alles andere – jeden Tag.

Ich musste weiter gehen, obwohl die Welt um mich herum scheinbar zum Stillstand gekommen war. Irgendwie schaffte es die Freude, sich in meine Isolation reinzuquetschen und den Kummer zu mindern. Das Beste, was ich lernte in dieser Zeit, war, mich zu freuen, dass ich “ich” bin. Ich bin weder ein Held, noch ein toller Sportler. Ich bin kein unscheinbares Gesicht in der Menge, nein; ich bin ich: Shubham – die beste Version meiner Selbst – von meinem Schöpfer gemacht.
Durch die Isolation fällte ich solide Entscheidungen für mein Leben. Ich war dankbar für den Ort der Sicherheit – Shishya, mein Zuhause. Ich war dankbar für jede Mahlzeit, für die Möglichkeit, Sport zu treiben, für die Sonnenuntergänge in Shishya und ich erinnerte mich immer wieder daran, dass viele andere diesen Luxus nicht haben. Und dann kam endlich das Ende meiner Isolation. Das Gefühl von Freiheit und Freude war einfach überwältigend, als ich die Isolation verlassen durfte.







































































































































